1. Einleitung

Wer Musik »sagt«, sagt in einem Zuge sehr viel und sehr wenig: sehr viel per Evokation, durch das Heraufbeschwören eines ubiquitär anfallenden Phänomens, des musikalischen Universums mit seinen nicht auslotbaren psychischen und sozialen Effekten; sehr wenig, weil Evokation, Anmutung, träumerisch ungenaue Andeutung, trockenerem Präzisionsbegehren hartnäckig auszuweichen pflegen.1

Bei Musik scheint es sich um ein Phänomen zu handeln, das sich gewissermaßen gegen eine Beschreibung sperrt. In Anbetracht dessen erscheint es sinnvoll Situationen zu beschreiben in denen seine Beobachtung erfolgt. Die Situationen können sich fundamental unterscheiden, so dass es sich weitestgehend um verschiedene Phänomene mit gleichen bis ähnlichen Merkmalen handeln könnte, die lediglich unter dem Begriff der Musik subsumiert werden. Ein wesentliches Merkmal aller Ausprägungen scheint das Hören zu sein. Das Hören als konstitutives Element einerseits und seine Notwendigkeit innerhalb sozialer Kommunikation andererseits, legt die Vermutung nahe, dass es sich bei allen Hörsituationen dieser Phänomene in der einen oder anderen Form um soziale Kommunikation handelt.

Vor diesem Hintergrund wird mit der vorliegenden Arbeit untersucht, in wiefern Wechselbeziehungen zwischen musikalischen Phänomenen und sozialer Kommunikation bestehen. Es soll dabei nicht darum gehen eine Aussage zu treffen, die ein Phänomen der Musik als Kommunikation oder Nicht-Kommunikation definiert. Der Begriff der Musik wird viel mehr in Bezug auf Kommunikation durchleuchtet. Anhand Luhmanns Theorie sozialer Systeme soll dies veranschaulicht und erläutert werden. Hierfür ist sein Kommunikationsbegriff von zentraler Bedeutung. Für den vorliegenden Rahmen erscheint er als besonders geeignet, um die Zusammenhänge des Phänomens Musik in ihrer Komplexität möglichst schlüssig umreißen zu können. Aufgrund Luhmanns Anspruch einer allumfassenden „Supertheorie“2 muss mit einer starken Simplifizierung vorgegangen werden, so dass seine Systemtheorie nur sehr begrenzt eingeführt werden kann. Luhmann setzt als absolute Grundbedingung für dieReproduktion sozialer Systeme Kommunikation voraus: „Ohne Kommunikation gibt es keine menschliche Beziehungen, ja kein menschliches Leben.“3 Dennoch ist Kommunikation, so Luhmann, unwahrscheinlich, da sie eine Vielzahl an Hindernissen erst überwinden muss, um überhaupt zustande zu kommen. In diesem Sinne wird Kommunikation mehr als ein Problem statt Phänomen aufgefasst. So erscheint Musik als ein an Kommunikation beteiligtes Phänomen ebenso unwahrscheinlich, wodurch es einer Klärung bedarf was unter Kommunikation, im vorliegenden Fall bei Luhmann, verstanden wird.

Zunächst wird im Kapitel zur Wahrscheinlichkeit musikalischer Abwesenheit ein Musikbegriff eingeführt, der die Grundlage für das Verständnis folgender Betrachtungen bildet. Mit Abwesenheit wird in etymologischer Hinsicht zunächst ein Ereignis aufgefasst, dem die Bedeutung des anwesend-seins inhärent ist. Von diesem Verständnis ausgehend wird weiter mit Musik ein Phänomen zu beschreiben versucht, das seine Präsenz in der Abwesenheit äußert. Im darauffolgenden Kapitel wird mit der Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation Luhmanns Systemtheorie eingeführt. Nach einer Erläuterung seiner grundsätzlichen Auffassung von Kommunikation, wird über eine begriffliche Einführung schließlich definiert, was Kommunikation nach Luhmann ist und wie sie sich von Wahrnehmung abgrenzt.
Im Fazit werden der unter 2. dargelegte Musikbegriff und Luhmanns Kommunikationstheorie zusammengeführt und es wird gezeigt in welcher Wechselbeziehung sich ein musikalisches Phänomen als Ereignis mit psychischen und sozialen Systemen befinden kann.


1Fuchs 1987: 214

2Luhmann 1984: 19ff

3Luhmann 2001: 76

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