3.1 Begriffliche Einführung in Luhmanns Systemtheorie

 

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist nicht mehr als ein sehr geringer und stark simplifizierter Einblick in die Systemtheorie Luhmanns möglich. Für das Verständnis der folgenden Betrachtungen müssen zunächst einige Begriffe erläutert werden. Als ein Diskurs verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen verstanden, ist die Interdisziplinarität ein wesentliches Merkmal der Systemtheorie.1 Sie hat einige Begriffe herausgebildet, um die verschiedenen Merkmale von Operationen beschreibbar zu machen. Da die Begrifflichkeiten jedoch stets aufeinander verweisen, ist ein simultanes beschreiben nicht möglich, so dass man stets Begriffe einführt, die erst im Nachhinein erläutert werden können.2

Der Begriff der Grenze ist wohl möglich der wichtigste.3 Luhmann bezieht sich auf den BiologenHumberto R. Maturana, der das Konzept der Autopoiesis (Selbstreproduktion) in den 1970ernauf lebende Organismen ausweitet. Diese organisieren sich aufgrund ihrer Nervensysteme selbst und grenzen sich damit von ihrer Umwelt ab; eine Zelle etwa bildet ein autopoietisches System.4 Autopoietische Systeme zeichnen sich also dadurch aus, dass sie sich selbst einschließlich ihrer Strukturen und Elemente durch die Operationsweise ihrer Elemente reproduzieren.5 Ein System ist demnach erst dann in der Lage sich zu reproduzieren, wenn es erkannt hat, ob sich ein Ereignis innerhalb oder außerhalb der Grenze des Systems befindet.6

Luhmann entlehnt den Begriff der Autopoiesis auf soziale Systeme.7 Dabei geht es um keine Analogie, sondern viel mehr darum, das Prinzip für soziologische Fragestellungen denkbar zu machen. Soziale Systeme müssen folglich ihren Fortbestand mittels interner Operationsweisen selbst organisieren, um mit der Umwelt in Beziehungen treten zu können – sie sind in der Wahrnehmung ihrer Umwelt offenund zugleich operativgeschlossen, das heißt die systeminternen Operationen sind uneinsehbar für andere Systeme, die gleichzeitig die Umwelt bilden. Demzufolge handelt es sich bei Luhmanns sozialen Systemen um autopoietische Systeme, die mittels eines rekursiv geschlossenen Prozesses sich selbst reproduzieren, und zwar durch Kommunikation.8 Diese bildet die absolute Voraussetzung und gilt somit als die elementare Operation einer Gesellschaft.9

Als System10 wird zunächst „ein aus grundlegenden Einzelelementen zusammengestelltes Ganzes, wobei die Einzelelemente in bestimmten Beziehungen zueinander stehen“11 bezeichnet. Diese Systemteile können wieder ein System, ein sogenanntes Subsystem, oder aber nicht weiter zerlegbare Systemelemente sein. Wird ein System untersucht, so müssen seine Identität und Grenzziehung, sowie seine Elemente hinsichtlich ihrer Relation und Struktur analysiert werden.12

Ohne Kommunikation gibt es keine sozialen Systeme und umgekehrt, so, dass die Begriffe bei Luhmann auf eine Weise synonym verwendet werden können. Wenn nun alltagsgebräuchlich von Kommunikation die Rede ist, so meint Luhmann damit keineswegs die Menschen, denn „Menschen können nicht kommunizieren, nicht einmal Gehirne können kommunizieren, nicht einmal das Bewusstsein kann kommunizieren. Nur die Kommunikation kann kommunizieren.“13 Das Bewusstsein tritt bei Luhmann als psychisches System auf und bildet somit einen Teil der Umwelt sozialer Systeme. Seine Operation basiert auf Gedanken.14 Es gilt folgendes festzuhalten:

[Psychische Systeme] operieren auf der Basis von Bewusstsein, [soziale Systeme] auf der Basis von Kommunikation. Beide sind zirkulär geschlossene Systeme, die jeweils nur den eigenen Modus der autopoietischen Reproduktion verwenden können. Ein soziales System kann nicht denken, ein psychisches System nicht kommunizieren. Kausal gesehen gibt es trotzdem immense, hochkomplexe Interpendenzen. Geschlossenheit heißt also keinesfalls, dass keine Wirkungszusammenhänge bestünden oder dass solche Zusammenhänge nicht durch einen Beobachter beobachtet oder beschrieben werden könnten. […] Man muss berücksichtigen, dass die Systeme füreinander intransparent sind, sich also wechselseitig nicht steuern können.“15

Psychische Systeme reproduzieren Gedanken und können nicht direkt miteinander kommunizieren, sondern nur über den Weg des Sozialen, z.B. mittels Sprache.16 Sprache kann auf diese Weise als die Selektion einer Mitteilung17 verstanden werden, mit derer, Kommunikation stattfinden kann. Ein soziales System, wie die Gesellschaft, besteht ausschließlich aus Kommunikation. Ferner kann es nur daraus entstehen und sich selbst reproduzieren.18 Das psychische und soziale System sind aneinander gekoppelt, so dass sie sich komplementär ergänzen. Weder das eine noch das andere ist unabhängig voneinander existenzfähig, da sie sich „wechselseitig koevolutiv entwickelt [haben]“19. So ist jede Kommunikation an Bewusstsein strukturell gekoppelt. Diese Kopplung bezeichnet Luhmann zwar als Interpenetration, jedoch nicht im Sinne eines Eindringens eines Systems in ein anderes. Die Durchführung einer systeminternen Operation hängt davon ab, ob die Umweltvoraussetzungen dafür dementsprechend vorhanden sind, ohne, dass diese „in das System eingeschlossen und eine eigenständige Operation werden können.“20

Diese Differenz und gleichzeitige Abhängigkeit von Systemen zu ihrer Umwelt ist in Luhmanns Systemtheorie von zentraler Bedeutung. So gesehen ist alles was in der Welt vorkommt „immer zugleich zugehörig zu einem System (oder zu mehreren Systemen) und zugehörig zur Umwelt anderer Systeme. […] Jede Änderung eines Systems ist Änderung der Umwelt anderer Systeme; jeder Komplexitätszuwachs an einer Stelle vergrößert die Komplexität der Umwelt für alle anderen Systeme.“21

In diesem Spannungsverhältnis ist das Phänomen der Musik zu sehen.Die System/Umwelt-Differenz wird Beobachtungen zugrunde gelegt, so dass man als Beobachter stets angeben muss, ob man das System oder dessen Umwelt meint. Dabei ist das eine nicht wichtiger als das andere. Sie stehen in einem engen Bezugsverhältnis zueinander und werden genau dadurch definiert, denn „beides ist das, was es ist, nur in Bezug auf das jeweils andere.“22


1Gemeint ist die Systemtheorie im allgemeinen, nicht nur Luhmanns soziologische Systemtheorie

2Vgl. Tröndle: 14

3Vgl. Baecker 2005: 156

4Vgl. Jahraus/Nassehi: 94

5Vgl. Willke 1987: 334

6Vgl. Baecker 2005: 156

7Vgl. Kneer/Nassehi: 46: Soziales System meint einen Sinnzusammenhang von aufeinander verweisenden sozialen Handlungen, der sich von einer Umwelt abgrenzt.

8Ebda: 80: „Der Mensch ist keine autopoietische Einheit, sondern er besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Systemarten. Das psychische System (des Menschen) befindet sich ebenso wie das lebende und das neurophysiologische System nicht innerhalb, sondern außerhalb des Sozialen, aber es besitzt in der Umwelt sozialer Systeme die privilegierte Position, Kommunikation irritieren oder reizen zu können.“

9Vgl. Luhmann 1984

10griechisch-lateinisch: Zusammenstellung

11Vgl. Thomaß

12 „Organisierte Komplexität [= System; Anm. Dominguez] ist dann gegeben, wenn Einzelphänomene nicht schlicht linear logisch miteinander gekoppelt sind, sondern wenn Wechselwirkungen zwischen ihnen bestehen. Ist dies der Fall, vermag erst die Beschreibung dieser reziproken Vernetzungsbedingungen ein Bild von der Einheit der Summe jener Einzelphänomene zu vermitteln.“ [Kneer/Nassehi: 21]

13 Luhmann 2005: 37

14 Vgl. hierzu Schuldt: 29: „Bewusstsein ist nicht zu verwechseln mit dem Gehirn. Das Gehirn ist kein psychisches, sondern ein organisches System. Als solches bildet es für das Bewusstsein eine Umwelt, die für das Funktionieren des psychischen Systems unentbehrlich ist. Denken aber kann nur das Bewusstsein, […] nicht […] der Mensch.“

15Luhmann 2005: 118

16Vgl. Berghaus: 68

17Vgl. Kapitel 3.2 der vorliegenden Arbeit

18Vgl. Berghaus 68ff

19Berghaus: 69

20Luhmann 2002: 268

21Luhmann 1984: 243; Hervorhebungen im Original

22Ebda: 244