3.2 Kommunikation nach Luhmann

Es scheint sich bei menschlichen Individuen um berührungslos nebeneinander lebende Monaden zu handeln. Man möchte zwar „kommunizieren“ im Sinne von: Gemeinsamkeit herstellen, findet sich aber zugleich als Individuum vor, das nicht im anderen wahrnehmen oder denken kann und selbst auch keine Operationen produzieren kann, die nicht als eigene, sondern als die eines anderen erkennbar wären.1

Der Kommunikationsbegriff im Luhmann’schen Sinne verlangt ein völlig neues Verständnis von Kommunikation, als das allgemein bekannte Sender–Empfänger Modell, das Kommunikation als einen zweistelligen Prozess beschreibt, in dem der Sender dem Empfänger etwas überträgt. Dieses Modell der reinen Übertragung einer Botschaft ist für Luhmann als Metaphorik des Besitzens, Habens, Gebens und Erhaltens für ein Verständnis von Kommunikation ungeeignet. Danach liegt das Wesentliche der Kommunikation im Akt der Übertragung der Mitteilung und lenkt die Aufmerksamkeit und Geschicklichkeitsanforderungen auf den Mitteilenden.2 Die Metapher der Übertragung führt darüber hinaus dazu davon auszugehen, die Information sei für Sender und Empfänger dieselbe. „Daran mag etwas wahres sein, aber jedenfalls ist diese Selbigkeit nicht schon durch die inhaltliche Qualität der Information garantiert, sondern sie wird erst im Kommunikationsprozess konstituiert.“3 Ferner kann die Identität einer Information nur auf der Tatsache beruhen, dass sie für Absender und Empfänger sehr verschiedenes bedeuten kann.

Für Luhmann ist eine Mitteilung zunächst nichts weiter als ein Vorgang der Selektion, bei dem aus einer gewissen Anzahl an Übertragungsmöglichkeiten der Information eine explizite ausgewählt wird. Unter Selektion wird also eine Auswahl an mehreren Möglichkeiten verstanden. Kommunikation kann so gewissermaßen als eine Operation beschrieben werden, mit der beobachtet wird. Anhand dieser Beobachtungen werden Unterscheidungen vorgenommen, Differenzen gesehen, wodurch immer eine Seite benannt wird: eine beobachtete, bezeichnete „Innenseite“ und eine „Aussenseite“ („blinder Fleck“)4, die sich der Beobachtung entzieht. Selektionen sind dementsprechend anhand von Beobachtung getroffene Unterscheidungen, die als Ereignisse verstanden aneinander angeschlossen werden und somit einen Prozess der Differenzierung bilden. Gleiches gilt für die Auswahl einer Information, das heißt etwas wird bezeichnet und dann als mitteilungswürdig kategorisiert.

So ist Jede Information eine Selektion aus einem Horizont von Möglichkeiten; es ist also möglich sich für die eine oder andere zu entscheiden. Dazu stehen verschiedene Möglichkeiten der Mitteilung zur Auswahl. Die Information kann schriftlich oder mündlich mitgeteilt – geflüstert, geschrien etc. – und dadurch in der einen oder anderen Weise verstandenwerden. Das „Verstehen“ hat bei Luhmann noch eine weitere Bedeutung. Es ist diejenige basale Operation, die Kommunikation überhaupt erst erzeugt. Damit ist das Erkennen der Differenz von Mitteilung und Information gemeint, das heißt, dass man erkennt, dass sich hinter der Mitteilung eine Information verbirgt.Besonders die Sprache ermöglicht zunächst nur die Vermittlung, das Ankommen einer Information. Für die korrekte Auswertung müssen sich alle beteiligten Instanzenauf eine Reihe von verabredeten Regeln beziehen. Diese definieren ein Zeichensystem mittels dessen Codes (Botschaften) generiert und decodiert werden können. Nur mit Kenntnis dieser spezifischen Zeichen können Informationen erfolgreich ausgetauscht werden. An einem Beispiel lässt sich das veranschaulichen.

Ein Musiker betritt die Bühne. An der Art und Weise des Auftretens erkennt jemand im Publikum, dass der Interpret sehr nervös ist. Ob der Interpret seine Nervosität überhaupt mitteilen möchte, zumindest hat er es nicht gesagt, ist dabei irrelevant. Entscheidend ist, dass beispielsweise der Gang als Mitteilung der Information ‘Nervosität’ gelesen wird. Der Interpret könnte schließlich voller Selbstvertrauen, ohne jegliche Spur von Nervosität, sein. Der Gang wäre nur eine Eigenart, ohne weitere Bedeutung. Aber genau in diesem Herauslesen einer Bedeutung liegt das Erkennen der Differenz von Information und Mitteilung. Der Verstehende, also der Empfänger dieser vermeintlichen Information, hat nun verschiedene Möglichkeiten an die Mitteilung ‘Gang’ anzuschließen. Behält er sie für sich, bricht die Kommunikation an dieser Stelle ab und kann eventuell nach dem Konzert wieder aufgenommen werden, indem er den Interpreten darauf anspricht oder mit seinen Begleitern den eigenartigen Gang des Musikers beredet. Entscheidet er sich die beobachtete Information ‘Nervosität’ mitzuteilen, so hat er verschiedene Möglichkeiten dies zu tun, z.B. den Saal verlassen, etwas rufen, den Sitznachbarn ansprechen etc. Je nach dem für welche Variante er sich entscheidet, bieten sich wiederum andere Möglichkeiten, für alle, die sie als Differenz erkennen, daran in Form einer Selektion anzuschließen und die Kommunikation fortzuführen. Das Ende des Konzertes ist wieder durch eine bestimmte Selektion gekennzeichnet: Applaus. Indem das Publikum applaudiert, teilt es dem Interpreten mit, dass es verstanden hat, dass die Darbietung als Mitteilung einer musikalischen Information zum Ende gekommen ist. Der Interpret schließt an diese Selektion in der Regel mit der Selektion des Verbeugens an. Das Publikum wird diese Geste als Mitteilung der Information des Bedankens interpretieren. Das oben erwähnte mögliche Missverständnis könnte jedoch auch hier auftreten, indem das Verbeugen bspw. als ein Hexenschuss gedeutet würde.

Der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Kommunikation liegt demnach in dem Erkennen der Differenz von Information und Mitteilung. Würde im Gang oder Verbeugen des Musikers nichts weiter als eine Eigenart erkannt werden, so wäre das lediglich eine Zuschreibung des Wahrgenommenen ohne sie zu interpretieren.

Der Verstehende (Empfänger) bestätigt das Verstehen, also das Erkennen der Differenz, indem er der vorangegangenen Mitteilung eine weitere Selektion von Information und Mitteilung anschließt. Durch diesen Anschluss wird die Kommunikation überhaupt erst erfolgreich, da sie weitere Möglichkeiten des Anschlusses bietet. Das Verstehen birgt also wiederum eine Selektion in sich. Auf diese Weise geht es immer um das Anschließen von Selektionen an Selektionen an Selektionen. Mit anderen Worten kann das Verstehen als Operation aufgefasst werden, die ein Ereignis als Mitteilung einer Information deutet. Dieses Deuten konstruiert gewissermaßen die ‘Botschaft’ und kennzeichnet sie als solche in einem Anschluss, der dieses Ereignis als solches qualifiziert, „an das auf nicht mehr beliebige Weise angeschlossen werden kann.“5 Diese Kennzeichnung ist folglich das jeweils nächste Ereignis (Äußerung, Gebärde etc.), das beobachtet werden kann und an welchem der Anschluss weiterer Ereignisse erfolgen kann etc.
Kommunikation wird somit nur unter diesem dreiteiligen Selektionsprozess, als eine Synthese von Information-Mitteilung-Verstehen, erzeugt.

Man kann das, was ein anderer wahrgenommen hat, nicht bestätigen und nicht widerlegen, nicht befragen und nicht beantworten. Es bleibt im Bewusstsein verschlossen und […] für jedes andere Bewusstsein intransparent. […] Beteiligte können ihre eigenen Wahrnehmungen und die damit verbundenen Situationsdeutungen in die Kommunikation einbringen; aber dies nur nach den Eigengesetzlichkeiten des Kommunikationssystems, zum Beispiel nur in Sprachform, nur durch Inanspruchnahme von Redezeit.6


1Luhmann 1995: 25

2Vgl. Luhmann 1984: 193 ff

3Luhmann 1984: 193

4Luhmann 1995: 51

5Fuchs 1992: 70

6Luhmann 2001: 98

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