4. Fazit

 

Wie in Kapitel 3 eingeführt wurde, werden soziale Systeme mittels Kommunikation erzeugt. So können psychische Systeme nur mit der Zuhilfenahme bestimmter Medien wie der Sprache miteinander kommunizieren. Tun sie es, entsteht ein soziales System. Im psychischen System bilden sich aufgrund von einer „kontinuierlichen, autopoietischen Produktion und Reproduktion von kognitiven Eigenzuständen [bestimmte], regelmäßig wiederkehrende Interaktionsmuster oder sogenannte Konnektivitäten aus, die [man; Dominguez] als Beobachter in einer phänomenalen Beschreibung“1 je nach Kontext als Musik bezeichnen kann.Die Differenz Musik/potentielle Musik erfolgt nach sozial erlernten Kategorien und ist somit von psychischen und sozialen Systemen abhängig.

Jedes Phänomen spannt als Ereignis betrachtet einen neuen Zeitrahmen, in welchem es sich als singulär profiliert und von anderen Ereignissen abgrenzt.2 In diesem Bezugsrahmen sind die Elemente sozialer und psychischer Systeme in vergleichbarer Weise an Zeit gebunden wie das Phänomen der Musik. Ihre Flüchtigkeit bedingt eine ständige Reproduktion, soll das System nicht „aufhören zu existieren: Systeme dieses Typs sind genötigt, ihr Dasein von Moment zu Moment zu kontinuieren, sich also der Irreversibilität der Zeit anzupassen durch eine Verzeitlichung der Elemente.“3 Diese Verzeitlichung äußert sich eben in der Vergänglichkeit, im Gegensatz zur Stabilität.

Trifft es zu, dass das Bewusstsein sich ausschließlich mit Hilfe von Gedanken selbst reproduziert, es also ein autopoietisch, selbstreferentiell geschlossenes System ist, so können auch musikalische Ereignisse „im psychischen System nur als Gedanke bewegt werden.“4 So finden die in Kapitel 2 erläuterten Zustände der Anwesenheit/Abwesenheit hier in Form von Gedanken statt, wobei das musikalische Phänomen nicht im eigentlichen Sinne als autopoietisch bezeichnet werden kann. Es muss immer betrieben werden, so gesehen stellt es eine perfekte Kopie eines autopietischen System dar. Luhmanns Kommunikationstheorie operiert mit einem Beobachtungsbegriff, der Unterscheidungen vornimmt, in denen je eine Seite bezeichnet, indiziert, werden kann.5 Das Bild einer sequentiellen „Abarbeitung“ von Gedanken wird durch eben dieses Beobachten, die Identifizierung eines Gedanken, der sich von früheren unterscheidet, hervorgerufen. „Ein Gedanke […] beobachtet einen anderen, legt im strengen Sinne eine Unterscheidung an, die den beobachteten Gedanken gleichsam stillstellt, als differenten lokalisiert.“6 Der beobachtende Gedanke kann sich folglich als „Operateur“7 nicht selbst beobachten. In dem Moment, in dem er beobachtet wird, ist er auch schon wieder verschwunden, denn der Beobachtende ist bereits ein neuer, an ihn anschließender Gedanke. Der Reproduktionsprozess des psychischen Systems könnte, auf diese Weise, als ein kontinuierliches Sich-Erinnern, als ein Rückblicken auf Gedanken, umschrieben werden. Der beobachtete Gedanke existiert demzufolge nur in der Vorstellung seiner Vorstellung.

Die gedachten Ereignisse hörbar zu machen entspricht dem Vorgang einer Selektion aus Schallereignissen, die als Mitteilung dieser musikalischen Idee als Information, bereitgestellt würden. Nimmt ein anderes psychisches System diese wahr, so könnte daraus nach Luhmann Kommunikation und folglich ein soziales System entstehen. Das Hören liefert jedoch Schwierigkeiten zur Rezeption.Die menschlichen Sinnesorgane bilden ein multisensorisches Wahrnehmungssystem und stehen in starken Interpendenzen zueinander – auditive und visuelle Prozesse können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden.8 So stellt sich die Frage, ob das Hören von Musik nicht bereits die Idee der subjektiven Konstruktion verfälscht und bswp. eine Aufführung somit, überspitzt formuliert, ein Scheitern des Hörens darstellt. In diesem Scheitern würde gleichzeitig eine Chance liegen.


1Huber

2Vgl. Fuchs 1987: 215ff

3Ebda

4Fuchs 1987: 227

5Ebda: 223ff

6Fuchs 1987: 224

7Ebda

8Vgl. Schlemmer: 179ff; Vgl. Kohlrausch/van de Par

 

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